Trauer und Tränen

Die Menschheitsgeschichte ist geprägt von Transformationsprozessen und traumatischen Verlusterlebnissen. Naturkatastrophen, Kriege, Unfälle, Flucht, Krankheit, Seuchen und das Alter konfrontieren den Menschen mit seiner Endlichkeit, mit dem Tod. Ständige Entbehrungen fordern die Menschheit heraus, Veränderungen und Verluste zu bewältigen und zu akzeptieren, indem sie seit Generationen unterschiedlichste Kulturformen der Trauer, der Erinnerung und des Gedenkens praktizieren und leben. Religiöse und ideologische Traditionen, private Emotionalität und gesellschaftliches Prestigedenken sind treibende Kräfte, die der sepulkralen Kultur fortwährend neue Ausdrucksformen verleihen. 

In diesem Dreiklang entwickelte sich über Jahrhunderte ein normatives Leitbild der zeremoniellen Abschieds- und Gedenkrituale, die bis ins 21. Jahrhundert, wenn auch in reduzierter und transformierter Form, nachwirkt und die von der bürokratischen Reglementierung und der technisch-hygienischen Rationalität im Umgang mit dem Leichnam maßgeblich beeinflusst wurde. Historisch gesehen befindet sich die dem Verlusterlebnis folgende Trauer- und Gedenkkultur in einem ständigen Wandel, der zeitgeschichtliche, gesellschaftliche, politische und ideologische Phänomene reflektiert und repräsentiert.

Das Museum für Sepulkralkultur widmete sich in der interdisziplinären und multimedialen Ausstellung LAMENTO–Trauer und Tränen mit einer Auswahl von internationalen zeitgenössischen Kunstwerken, einem Filmprogramm, Lesungen, einem Konzert und Interventionen im öffentlichen Raum dem kollektiven und individuellen Erleben der Trauer.

Die Sammlung des Museums für Sepulkralkultur beherbergt schriftliche und bildhafte Zeugnisse, die Trauerkultur nachvollziehbar machen und Objekte, die sepulkrale Rituale und Zeremonien begleiten. Diese historischen Quellen des Museums bildeten den kulturhistorischen Referenzraum für die künstlerischen Werke. Einerseits wurden bereits existierende Arbeiten gezielt für die Ausstellung ausgewählt und mit Objekten der Sammlung in Beziehung gesetzt und andererseits hatten die eingeladenen Künstler*innen die Möglichkeit, im Kontext der Sammlung des Museums zu recherchieren, auf spezifische Sammlungsstücke Bezug zu nehmen und in Korrespondenz mit historischen Artefakten neue Arbeiten zu entwickeln.

In der multimedialen Ausstellungsreihe LAMENTO thematisierten grafische Arbeiten, Fotografien, Videos, Skulpturen, konzeptionelle Werke und Interventionen auf Werbeflächen im öffentlichen Raum die atmosphärischen Facetten des Trauerns, des Erinnern und des Gedenkens. Zu der Ausstellung ist eine begleitende Broschüre erschienen, die den Besucher*innen einen Zugang zu den Werken und Themen der Ausstellung ermöglicht.

„Trauerarbeit ist Tränenarbeit. Die Kulturgeschichte der Träne und des Weinens ist Teil einer vielstimmigen Erzählung von Trauer, Tod und Verlust, der sich das Museum für  Sepulkralkultur verschrieben hat. Es ist eine ausgezeichnete Idee des Museums, den kulturhistorischen, repräsentativen Zeugnissen der Toten- und Trauerkultur in der Ausstellung 'Lamento - Trauer und Tränen' ausgesuchte Werke zeitgenössischer Kunst an die Seite zu stellen, die sich mit der individuellen und berührenden Ausdruckskraft der Tränen auseinandersetzen“, hob Eva Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung, hervor.

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Künstler*innenliste

Folgende künstlerische Positionen wurden in der Ausstellung präsentiert:

Bas Jan Ader / I'am to sad to tell you, 1971 (Filmprojektion, Postkarte)
Mathilde ter Heijne (NL) / Lament, Song for Transitions, 2014 (Video)
Ella Ziegler (DE) / Stone from Tears of a Deer, 2018 (Video)
Nina Jansen (DE) / Ohne Titel (Taschentuch bestickt) (Objekt)
Dieter Roth (CH) / Das Tränenmeer (Anzeigen in Tageszeitung)
Nancy Borowick (US) / The Family Imprint, 2017 (Fotografie)
John Moore (US) / Weinendes Kind an der Grenze / Fotografie / 2019
Urs Lüthi (DE) / Lüthi weint auch für sie / Fotografie / 1970
Julia Schubert / Weinen für jeden Tag / 2016 (Schauspiel Dortmund)