Eine Friedhofskapelle in Marburg im Jahr 2016. Etwa 50 Menschen sitzen in den Bankreihen, augenscheinlich aus unterschiedlichen Milieus und mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Was sie verbindet und hier zusammenführt, ist: Sie sind Eltern, bloß weiß das außerhalb des Kontextes wohl niemand. Vorn steht ein kleiner weißer Sarg. 35 vor der Geburt verstorbene Kinder liegen darin, sogenannte "Sternenkinder." Kinder, die nicht außerhalb des Mutterleibes gelebt haben, werden hier gemeinsam bestattet. Die Pastorin liest einen Psalm, Psalm 139: "Alle meine Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war...". Zwei Ärzte des Marburger Klinikums sind gekommen. Sie zünden für jedes Kind eine Kerze an und nennen seinen Namen. Diese kleine Szene bildet den Fragehorizont der theologischen Dissertation von Anna Elisabeth Scholz, die unter dem Titel "Name und Erinnerung. Anthropologische und theologische Perspektiven auf Personalität und Tod" im Juni 2021 bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erschienen ist und durch die Stiftung Deutsche Bestattungskultur gefördert wurde.

Die Autorin geht unter Einbeziehung anthropologischer, theologischer, soziologischer und philosophischer Perspektiven der Frage nach, inwiefern Menschen zu den von ihnen geliebten Toten eine personale Beziehung aufrecht erhalten und welche Rolle dabei religiöse Sprache als Sprachform für das, was sich der Erfahrung entzieht, Rituale und Erinnerungsorte spielen.

Menschen sind leibliche Wesen in Raum und Zeit. Sie leben, wie beispielsweise der soziologische Entwurf Hartmut Rosas verdeutlicht, in "Resonanz" mit den Räumen, die sie umgeben. Und dadurch können auch Orte und Gegenstände besondere Verhältnisse abbilden; sie halten verflossenes Leben in Raum und Zeit gegenwärtig.

Friedhöfe sind solche Erinnerungsorte. Grabsteine, auf denen Namen geschrieben sind. Gräber, die liebevoll geschmückt werden. Plätze, an denen sich Menschen zum gemeinsamen Trauern und Erinnern versammeln. All das verleiht den Verstorbenen eine Präsenz in der Welt der Lebenden und hilft, das Verhältnis zwischen Lebenden und Toten (neu) zu ordnen, sie miteinander in "Resonanz" bleiben zu lassen.

Zugleich ist ein Friedhof aber auch ein Ort, der dem Tod und den Toten einen Platz unter den Lebenden gibt, ja, Menschen gleichsam dabei hilft, mit dem Tod und den Toten zu leben, besonders eben auch mit solchen Toten, deren (Lebens-)Geschichten fast unerzählbar sind, wie beim Ausgangsphänomen der "Sternenkinder". Das Ritual, das im Rahmen der Bestattungsfeier vollzogen wird, bringt das zum Ausdruck und Erinnerungsorte auf Friedhöfen verleihen dieser anwesenden Abwesenheit eine materiale Geltung in Raum und Zeit.

 

Bibliographische Information:

https://www.eva-leipzig.de/product_info.php?info=p5131_Name-und-Erinnerung.html

 

für alle Fotos gilt © Anna Scholz