Soziale Gedächtnisse am Lebensende

Wer von Erinnerung spricht, darf vom Tod nicht schweigen. Das Bewahren von Wis­sen, von Ereignissen, aber auch von Empfindungen gewinnt gerade durch die prin­zi­piel­le Ver­­gänglichkeit des menschlichen Handelns und Erinnerns seine Rele­vanz. Festschreibun­­gen etwa durch mediale Aufzeichnung oder mündliche Weitergabe verleihen folglich nicht nur dem sonst Vergessenen eine gegenwärtige Präsenz, son­dern transzendieren zu­gleich das Problem des Sterbens von Erinnerungsträger*innen.

Der Tod bedeutet in die­sem Zusammenhang zunächst, dass Inhalte ver­lo­ren gehen, die im subjektiven Ge­dächt­nis ge­speichert waren. Aufbewahrt bleibt das, was an materiellen ›Beweisstücken‹ (Hin­ter­las­senschaften, Spuren, Erbe, aber auch die Leiche) über das Lebensende Ein­zelner hin­aus vor­­han­­den ist – und das, was von anderen erinnert wird. Da der ursprünglich rele­vante Sinnkontext ohne kon­­krete Erin­ne­rung mit­­un­ter unzugänglich ist, fehlt den Über­lebenden bzw. den Nach­kom­­men bei­spiels­weise im archäo­logi­schen Zusam­men­hang häufig die Kompetenz, ver­lo­ren ge­gan­ge­nes Kon­text­wissen adäquat zu rekon­struie­ren. Vergangenheit wird, so scheint es, durch Erin­ne­rungs­verlust un­durch­sich­­tig.

Der Zusammenhang von Sterben und Gedenken, von Tod und Gedächtnis, von Wissen und Spuren macht die Relevanz des so­zia­len Er­innerns deutlich: Per­sön­liche Rekonstruk­tionen fallen zusammen mit sozial ver­mit­tel­ten Be­zug­­nahmen auf die Ver­gan­gen­heit, aus denen sich die Strukturierung des indivi­duel­len Ge­­dächtnisses erst ergibt. Folg­lich ist nicht jedes Gedächtnis ein unab­hängiger ›Ver­gan­gen­­heits­speicher‹, viel­mehr ist in­dividuelles Erinnern vom sozialen Ge­­dächt­nis ge­prägt. Die Erinnerung an die Lebens­welt Verstorbener ist deshalb keine authentische Doku­men­­ta­tion, sondern durch ge­sell­schaft­­liche tradierte Konzepte des Er­innerns (oder auch Nicht-Erinnerns) vor­ge­prägt.

In der Kulturgeschichte stehen die erinnerten Toten neben dem Nichterinnerten, und Vergessensimperative (etwa die damnatio memo­riae in der römi­­schen Antike) waren bisweilen Teil staatlich verordneter Gedächtnispolitiken. Hinzu kom­men Konjunk­tu­ren des Er­in­nerns. Es gibt historische Persönlichkeiten, die heute erinnert wer­­den, denen aber über lange Zeit­räume weitgehend nicht gedacht wurde. Durch ›Nicht-Voll­zug‹ kann Er­in­nern zur postmortalen Nicht-Präsenz füh­ren, die gleichwohl durch Ausgrabungen, genealo­gi­sche Recher­­chen, Neubewertungen usw. wie­der revidierbar ist.

Es geht bei all dem nicht lediglich um theoretische, sondern auch um praktische kulturelle Strategien: In Friedhöfen und generell in der Bestattungskultur lassen sich zahlreiche Belege für die Vergegenwärtigung des eigentlich nicht mehr Gegenwärtigen und für den Umgang mit Erinnerungen nach dem Tod auffinden.

 

Die Tagung findet vom 11. bis 13. März 2020 entweder in Präsenz oder online statt.

 

Verantwortlich:

Dr. Thorsten Benkel, Matthias Meitzler M.A.:

https://www.phil.uni-passau.de/soziologie/benkel/

https://www.phil.uni-passau.de/techniksoziologie/team-lehrstuhl/meitzler-matthias/

https://www.friedhofssoziologie.de/

 

Für alle Fotos gilt © Benkel/Meitzler