Die Erfahrungen von Verlust, Trauer und Wandel bergen ein verstörendes Potenzial, das schwer zu benennen ist und sich einer Darstellbarkeit regelrecht zu entziehen scheint. Die Ausstellung versammelte künstlerische Positionen der internationalen Gegenwartskunst, die um diese Phänomene kreisen. Ob es sich um den Verlust eines geliebten Menschen durch Trennung oder Tod handelt, den Abschied von Idealen und Visionen, den Verlust von Heimat und Vertrautheit – wir alle machen in unserem Leben leidvolle Erfahrungen von Enttäuschung, Scheitern und Unwiederbringlichkeit. Obwohl diese Erlebnisse uns individuell betreffen, ist die Art und Weise unseres Umgangs mit ihnen, ihrer Darstellung und ihrer Wertung abhängig von unserem kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Umfeld.

Welche Bilder finden Künstler*innen heute für Abschied, Trauer, Verlust und Wandel? Welche Bedeutung kommt überlieferten Pathosformeln und eindeutigen Symbolen zu? Und was vermag der Umgang mit Trauer über unsere Gegenwart zu erzählen?

Rund 30 internationale Künstler*innen aus 15 Ländern beschäftigten sich in Bildern, Skulpturen, Videos, Fotografien, Rauminstallationen, Dia-Projektionen und Sound Pieces mit dem Thema Verlust als einer existentiellen, schmerzhaften Verunsicherung und der daraus resultierenden Unterbrechung des Gangs der Dinge. Die Vielschichtigkeit des Themas wurde in der Ausstellung anhand von Kapiteln wie »Melancholie und Trauer«, »Trauer und Geschlecht«, »Kollektive Trauer«, »Trauer und Rebellion«, »Formen des Abschieds«, »Die Unfähigkeit zu trauern« anschaulich.

Ein speziell für die Ausstellung entstandenes, neues Sound Piece der Turner-Prize-Trägerin Susan Philipsz ließ im Lichthof der Galerie der Gegenwart die alte Tradition des Wehklagens (engl. keening) aufleben. Der japanische Künstler Seiichi Furuya wob persönliche Verlusterfahrung (den Selbstmord seiner Frau) und den Abgesang auf eine politische Gesellschaftsstruktur (DDR) ineinander. In wenig bekannten, eindrucksvollen Bildern verband die international renommierte Künstlerin Maria Lassnig den persönlichen Verlust durch den Tod ihrer Mutter mit einer grundlegenden Verunsicherung und Infragestellung ihrer künstlerischen Schaffenskraft. In seinem Film »I’m too sad to tell you« (1970/71) warf Bas Jan Ader Fragen auf nach Privatheit und Öffentlichkeit, nach Konvention und Peinlichkeit, nach Grenzen der Sprache sowie der Darstellbarkeit. Die eindrucksvollen, großformatigen Fotografien von Anne Collier sind auf der Grundlage von Comics aus den 1950/60er Jahren entstanden und entblößten die mediale Umsetzung einer weinenden, jungen und schönen Frau als kühle Konvention und geschlechtsspezifisches Rollenbild.

Die Ausstellung spannte einen großen Bogen von den Miniatur-Särgen Kudjoe Affutus aus Ghana bis hin zu Andy Warhols ikonischem Porträt »Jackie« (1964). Erstmalig in Deutschland waren die strengen und zugleich poetischen Schrift-Arbeiten der mit dem Turner-Prize 2019 ausgezeichneten Helen Cammock zu sehen. Die Werkserie von bearbeiteten Fotografien aus dem Syrien-Krieg des Künstlers Khaled Barakeh griff das jahrhundertealte Bildmotiv der Pietà auf und war dabei von verstörender Aktualität.

Die versammelten Werke vermittelten in ihrer Vielsprachigkeit eine Ahnung davon, wie mannigfaltig die Formen von Trauer sein können. Darüber hinaus machte die Ausstellung deutlich, dass die Trauer politisch bedeutsam ist und Rückschlüsse auf gesellschaftliche Miss- und Zustände zulässt. Angesichts der ab- und ausgrenzenden Verteilung öffentlicher Trauer stellt die amerikanische Philosophin Judith Butler die berechtigte und entscheidende Frage: »Welches Leben gilt als betrauerbar, als schätzenswert, als Leben von Subjekten mit zu respektierenden Rechten?« (2009) Butler konstatiert weiter: »Ich denke, dass eine vollkommen andere Politik entstehen würde, wenn eine Gemeinschaft lernen könnte, ihre Verluste und ihre Verletzbarkeit auszuhalten.«

Nach Besser scheitern (2013) und Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit (2017) war Trauern. Von Verlust und Veränderung (2020)  die dritte Ausstellung der Hamburger Kunsthalle in einer von Brigitte Kölle kuratierten Reihe, die sich mit Tabu- und Grenzthemen auseinandersetzt.

Mit Werken von Bas Jan Ader, Kudjoe Affutu, Khaled Barakeh, Christian Boltanski, Helen Cammock, Anne Collier, Johannes Esper, Sibylle Fendt, Seiichi Furuya, Paul Fusco, Felix Gonzalez-Torres, Aslan Ġoisum, Ragnar Kjartansson, Maria Lassnig, Jennifer Loeber, Ataa Oko, Adrian Paci, Philippe Parreno, Susan Philipsz, Greta Rauer, Willem de Rooij, Michael Sailstorfer, Thomas Schütte, Dread Scott, Rein Jelle Terpstra, Rosemarie Trockel, Tilman Walther, Andy Warhol.